Was bringt ein Lieferkettengesetz Herr Münch?

Christopher Münch arbeitet am Lehrstuhl Supply Chain Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Ein Gespräch über transparente Lieferketten, volkswirtschaftliche Grundsätze und warum KI das Lügen schwerer macht. 
 

Herr Münch, achten Sie beim Kauf von Kleidung oder Elektrogeräten darauf, dass die in transparenten und fairen Wertschöpfungsketten produziert wurden? 
 
Ich achte definitiv darauf – bei gewissen Produkten wie Kosmetik und auch zum Teil bei Nahrungsmitteln und bei Elektronik. Ich gehöre nicht zu den Konsumenten, die ständig ein neues Smartphone brauchen. Ich benutze das iPhone 7 und habe nicht vor, ein neues zu kaufen, denn es funktioniert einwandfrei und erfüllt seinen Zweck. 
 
Interessieren sich die Käufer überhaupt dafür, wie produziert wird? Die Absatzzahlen neuer iPhone-Modelle legen das Gegenteil nahe. 
 
Sie würden sich dafür interessieren, wenn sie leichter an relevante Informationen herankommen würden oder die nötigen Informationen überhaupt transparent zur Verfügung stehen würden. Das ist beim Smartphone eher selten der Fall, weil der normale Verbraucher nicht weiß, was hinter der Hülle steckt. Also, welche Rohstoffe und Arbeitsschritte. 
 
Wer sollte hier aufklären? 
 
Aufklären sollten alle. Die Unternehmen, die das Produkt wertschöpfen, die Verbände und Lehrstühle und ebenso die Politik. 
 
Bleiben wir bei der Politik. Entwicklungs- und Arbeitsministerium wollen ein Lieferkettengesetz auf den Weg bringen. Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeiter sollen ihre Lieferketten überprüfen und fair und umweltfreundlich produzieren. Wie finden Sie diesen Vorstoß? 
 
Grundsätzlich ist es positiv, dass das Lieferkettengesetz nicht nur Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und Kinderarbeit berücksichtigt, sondern auch die ökologische Perspektive. Hier muss gesetzlich geschützt werden, denn die Erfahrung zeigt: Was uns lieb und teuer ist, sollten wir besser per Gesetz schützen. Die bis zum heutigen Tag geltende Freiwilligkeit der Unternehmen und die guten Vorsätze sind weitaus schwächer als die normative Kraft eines Gesetzes. Das zeigen auch die Zahlen. Eine Umfrage der Bundesregierung hat gezeigt, dass nur 22 Prozent der teilnehmenden deutschen Unternehmen die Anforderungen zur Achtung der Menschenrechte einhält. Das bedeutet im Umkehrschluss: Diese 22 Prozent handeln sich einen Wettbewerbsnachteil ein, weil sie sich Menschenwürde und Umweltschutz mehr kosten lassen als andere Unternehmen. Das Gesetz würde nun für ein Level-Playing-Field sorgen, also Chancengleichheit für alle Unternehmen sicherstellen. Das ist auch der Grund, warum bereits viele Unternehmen das Gesetz befürworten so BMW, Daimler oder Rewe. 
 
Verbände wie der Industrie- und Handelskammertag laufen Sturm dagegen und sehen das Gesetz als weitere Bürde in der Corona-Zeit.
 
In der aktuellen Situation könnte so ein Gesetz negative Auswirkungen beispielsweise auf die internationale Wettbewerbssituation haben oder auf Unternehmen, die durch Corona schwer gebeutelt sind. Als Konsequenz könnten sich Unternehmen aus Asien oder Afrika zurückziehen, weil sie über die Lieferanten dort keine handfeste Kontrolle bekommen können. Aber dieses Argument der Unternehmen verwechselt Hauptsache und Nebensache. In der Hauptsache ist so ein Gesetz gut. Denn wenn Menschlichkeit und Umwelt keine Hauptsachen mehr sind, dann wird die Welt zugrunde gehen. 
 
Doch wie kann Kontrolle erfolgen? Unternehmen haben zig Zulieferer und die wiederum ihre Subunternehmen. 
 
Im Zeitalter der Digitalisierung ist eine Kontrolle des gesamten Liefernetzwerks möglich. Keine Frage: Physisch ist das nicht möglich. Dafür bräuchte man vermutlich die größte Polizeitruppe der Welt mit einer Million Einsatzkräfte. Digital ist das aber möglich. Denn Algorithmen und die künstliche Intelligenz (KI) können Millionen von Lieferkontakten überwachen. 
 
Wie funktioniert das?
 
PC, Rechenzentren oder Cloud können praktisch unbegrenzt Datenmengen aufnehmen, aufbereiten und überwachen. So können Millionen von Lieferkontakten kontrolliert werden. Doch es gibt auch Einwände. Wenn beispielsweise eine Firma in dieser Lieferkette betrügt, schützt auch die Digitalisierung nicht. Ein Beispiel: Der Lieferant eines Lieferanten muss ein Internetformular ausfüllen und Auskunft über Kinderarbeit geben. Da trägt er dann eine 0 ein, gibt also an, dass es keine Kinderarbeit in seinem Betrieb gebe. Das ist aber gelogen. Der Einwand der Skeptiker sagt nun: Wegen dieser Lügen scheitert die ganze Kontrolle. Dieser Einwand vergisst jedoch, dass Algorithmen und KI anpassungs- und lernfähig sind. Da eine KI jede gemachte Angabe mit einer Menge anderer vorhandener Daten abgleicht, die sich im Netz oder bereits in der Cloud befinden, fliegen Lügen auf. Unter diesen Abgleichsdaten sind zum Beispiel Datenprofile von ehrlichen Unternehmen sowie die von aufgeflogenen Betrügern. Eine KI könnte dann ein kritisches Betrugsrisiko berechnen, welches ab einem gewissen Schwellenwert dafür sorgt, dass ein menschlicher Lieferketten-Kontrolleur loszieht und die betreffende Firma unangemeldet inspiziert. 
 
Dafür muss das Unternehmen trotzdem seine Lieferanten und Sub-Lieferanten erstmal kennen. 
 
Auch hier hilft die Digitalisierung. Ein Discounter mit Hauptsitz in Deutschland kennt nicht den Namen der Plantage in Afrika, von der er seine Bananen bezieht, weil er die Bananen von einem Großhändler in Rotterdam bekommt. Ein Mensch könnte sich diese tausend Namen und Verflechtungen nicht merken. Die Cloud, die Algorithmen und die Künstliche Intelligenz können das. Ist der Name der Plantage einmal eingegeben, bleibt er auch gespeichert. Hier gilt der berühmte Spruch: Das Internet vergisst nicht. 
 
Setzen Unternehmen KI schon auf diese Weise ein?  
 
Das ist meist noch geheime Firmensache. Es gibt aber schon Unternehmen, die solche Nachhaltigkeits-Audits in großem Umfang durchführen. Und wir Universitäten forschen natürlich dazu. Manche Forscher sagen, KI wird The Next Big Thing. 
 
Das geschieht alles online? 
 
In Zeiten der Globalisierung und im Moment vor allem wegen Corona immer online. Jemand durch die ganze Welt zu schicken, kostet auch viel Geld. Deswegen ist die erste Abfrage meistens online und führt dann, sollte ein gewisser Schwellenwert überschritten werden, zu einer physischen Kontrolle. 
 
Was hält Unternehmen davon ab, die Lieferketten durch KI zu kontrollieren? Ist die Technik noch nicht ausgereift? 
 
An der Technik liegt es nicht. Es kostet aber eine Menge Geld. Ein weiterer Grund ist auch, dass dem Lieferanten vom Lieferanten, der irgendwo in Asien oder Afrika sitzt, einfach das Know How fehlt, an diesem Prozess teilzunehmen. 
 
Wird ein Lieferkettengesetz Kontrollen mittels KI  in deutschen Unternehmen befördern?
 
Möglicherweise nicht über den Buchstaben, wohl aber über den Geist des Gesetzes. Allein schon wegen der Wirtschaftlichkeit: Kein Unternehmen kann sich eine Polizeitruppe leisten. KI ist zwar auch teuer, aber auf Dauer wesentlich kostengünstiger als ein Heer menschlicher Inspektoren. Also wird sich die Digi-Kontrolle durchsetzen, stets mit fallweiser Ergänzung durch menschliche Aufpasser. 
 
In der Hochphase von Covid-19 wurde diskutiert, Produktionen wieder näher an Deutschland ranzuholen. Das würde dann auch die Kontrolle von Lieferketten erleichtern.
 
Grundsätzlich würde ich nicht sagen, dass wir die Globalisierung rückgängig machen müssen, um Kontrolle über unsere Produktionen und Lieferketten zu erhalten. Die Globalisierung hat ihre Gründe und die Digitalisierung ist eine Möglichkeit, um Argumente wie „zwischen uns und unserem Lieferanten liegen aber Tausende von Kilometer“ zu entkräften. 
 
Steigen die Kosten für Verbraucher, wenn nachhaltiges Wirtschaften Pflicht wird? 
 
In der ersten Stunde Volkswirtschaftslehre lernen Studierende: Der Preis ist das zentrale Regulativ einer Marktwirtschaft. Der Preis reguliert nicht nur den Markt, sondern auch uns, die Endverbraucher. Wenn wir mit unserm nicht-nachhaltigen Konsum externe Kosten verursachen, dann müssen diese Kosten eingepreist werden. Eine Modellrechnung hat gezeigt, dass die Umsetzung von Mindeststandards große Firmen lediglich 0,005 Prozent ihres Gewinns kostet. Das steckt eine solide Firma doch problemlos weg. Der Preis wird also durch ein Lieferkettengesetz höchstwahrscheinlich nicht steigen.
 
 
Was, wenn die Unternehmen den Kontrollen nicht nachkommen. Reichen Abmahnungen oder braucht es Bußgelder? 
 
Ich würde erstmal dafür plädieren, abzumahnen. Das ist dann auch der sanfteste Weg für die Unternehmen von der Freiwilligen hin zu einer Verpflichtung. Hält sich ein Unternehmen nach der zweiten Abmahnung immer noch nicht daran, müssen Sanktionen ausgesprochen werden. Wobei es immer nur darum geht, was das Unternehmen auch wirklich kontrollieren kann. Wenn beispielsweise der Lieferant vom Lieferanten lügt, kann das Unternehmen nichts dafür. 

(Bildquelle: FAU, Lehrstuhl für Supply Chain Management)