Automatisierung?!
Es stinkt nach Angstschweiß

Götz-Andreas Kemmner

Zwei wichtige Botschaften sind mir in den letzten Wochen auf den Schreibtisch gekommen. Die Hans-Böckler-Stiftung findet in einer Befragung heraus, dass die Arbeitsverdichtung bei den Beschäftigten in den Betrieben immer mehr zunimmt. Eine Studie der Wirtschaftshochschule WHU stellt fest, dass der deutsche Mittelstand die Digitalisierung verschläft.

Dass die Arbeitsverdichtung zunimmt, ist keine ganz neue Erkenntnis. Wichtig ist es zu verstehen, wodurch sie verursacht wird, denn nur so kann man etwas dagegen tun. Mir scheint die entscheidende Ursache ganz eindeutig. Sie liegt nicht in der Ausbeutung der Arbeitnehmer, sondern darin begründet, dass die Produktivität von Dienstleistungen im allgemeinen und Bürotätigkeiten im speziellen deutlich langsamer steigt als früher die Produktivität von technischen Prozessen. Da in unseren Unternehmen der Anteil der Dienstleistungstätigkeiten (früher Angestellten-Tätigkeiten) laufend zu und der betrieblichen Tätigkeiten (Arbeiter-Tätigkeiten) laufend abnimmt, fehlen uns die Produktivitätssprünge von früher, die uns halfen, im nationalen und globalen Wettbewerb mitzuhalten und sogar Vorsprung herauszuarbeiten. Eine Zeit lang kann man Produktivitätsdefizite durch Arbeitsverdichtung auffangen, doch irgendwann ist Schluss und dann hilft nur noch Rationalisierung! Rationalisierung durch das Automatisieren beziehungsweise Digitalisieren von Organisationsprozessen. 
Nun stellt die WHU fest, dass zumindest beim Mittelstand nicht ausreichend viel passiert. Die Studie der WHU scheint den Analyseschwerpunkt auf sehr spezifische Aspekte wie Big Data, künstliche Intelligenz und Blockchain gelegt zu haben. Doch auch jenseits dieser High-End-Digitalisierung stellen auch wir in unserem Arbeitsfeld fest, dass die Unternehmen bei weitem nicht so intensiv ihre Auftragsabwicklung und ihre Planungsprozesse automatisieren, wie sie dies eigentlich könnten. 

Was ist los, warum rieche ich überall den Angstschweiß?

In Gesprächen mit Geschäftsführern zeigt sich: Vielen scheint die Unsicherheit der Märkte zu groß, um langfristig zu investieren, obwohl viele seit Jahren kontinuierlich wachsen. Noch schlimmer: vielen fehlen die Ideen und der Glaube an die Möglichkeiten der Automatisierung; Angst herrscht, man könne Geld „in den Teich setzen“. Dabei sind die Zeiten günstig wie nie. Das Geld ist billig und die Demographie sorgt dafür, dass Personalentlassungen weitgehend vermieden werden können.
In den Gesprächen mit Mitarbeitern merke ich: Die Automatisierung wird als Gefahr für den eigenen Arbeitsplatz gesehen; noch stärker, als dies vor Jahren bei der IT-Einführung der Fall war. Genauso schlimm: Die Anwender denken immer von der Ausnahme her, und argumentieren damit, dass eine Automatisierung nicht machbar wäre.
Halten wir uns weiterhin so zurück, dann wird der Angstschweiß bald nicht mehr zu riechen sein, weil niemand mehr da ist, keine Geschäftsführer, keine Mitarbeiter und keine Unternehmen.